Dass jemand ernsthaft glaubte, man könne sich nie gezahlte Steuern auszahlen lassen, wirkt rückblickend wie ein kollektiver Realitätsverlust. Und doch florierte dieses Spiel mit »Lücken« jahrelang – ein globales Milliardengeschäft, dessen juristische Aufarbeitung bis heute zäh verläuft. Zu komplex die Konstruktionen, zu gering das Unrechtsbewusstsein einer Branche, die seit jeher bereit ist, für Profit jede Grenze zu dehnen. Der geschätzte Schaden der durch »Cum-Ex« entstanden ist, beläuft sich weltweit auf 150 Milliarden Euro, davon allein 30 Milliarden Euro in Deutschland.
Oliver Bottini formt daraus einen Roman, der die Mechanik des Finanzkapitalismus durch die Biografien dreier Männer sichtbar macht: Freddy, Erik und Zaid. Ihre riskanten Geschäfte führen erst zu Reichtum, dann zu drei Toten. Zurück bleibt Vera Berg – Polizistin, Witwe, Mutter einer verschwundenen Tochter. Ihre Spurensuche führt sie aus dem Frankfurter Bahnhofsviertel bis nach Capri, wo sie begreift, wie wenig sie über das Leben ihres Mannes wusste. Parallel kämpft eine Staatsanwältin gegen politische Widerstände, während Ermittler aus England und Italien in ein Geflecht aus Loyalitäten, Lügen und organisiertem Verbrechen geraten. Vieles bleibt im Halbdunkel – ein erzählerischer Reiz, der den Sog des Romans verstärkt. Der Autor verdichtet all dies zu einem erzählerischen Panorama, das weit über den Kriminalfall hinausweist. »Die Summe aller Dinge« ist Thriller und Zeitdiagnose zugleich.
Oliver Bottini erhielt zahlreiche Auszeichnungen, allein sechsmal den Deutschen Krimipreis, zuletzt 2022 für »Einmal noch sterben«. Seine Kriminalromane um die Freiburger Kommissarin Louise Bonì wurden von der ARD verfilmt. Er lebt mit seiner Familie in Frankfurt am Main.
Moderation: Marietta Bernasconi
Musik: Leptophonics
Ort: Literaturbühne | EG
Eintritt: 15 € | Ermäßigt 10 € | Live-Stream 7 €
Der Einlass und die Abendkasse (falls noch Tickets verfügbar sind) beginnen um 19.30 Uhr.
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