Junge Menschen erleben den Faschismus
„Lesen gegen das Vergessen“ prägt eindrucksvoll seit nunmehr 12 Jahren die Bielefelder Erinnerungskultur zum „Tag der Befreiung“ vom Nationalsozialismus. Die Initiative von Mitgliedern des Künstlerinnenforums bi-owl e.V. und weiteren engagierten Bürger:innen mahnt mit zwei Lesungen - am Mittwoch, 29. April, um 19:00 Uhr in der Stadtbibliothek und am Freitag, 8. Mai, um 15 Uhr vor dem Alten Rathaus - an die doppelte Diskriminierung von Dichterinnen, Autorinnen und Publizistinnen, deren Werke im Frühjahr 1933 in den Flammen verschwanden. Die geschmähten Autor:innen verloren ihre Existenzgrundlagen und ihre sozialen Beziehungen, wurden ins Exil vertrieben, deportiert oder umgebracht.
Mit den Lesungen werden sie wieder gewürdigt, ihre Stimmen kehren zurück ins öffentliche Bewusstsein. Mit der Auswahl der Texte wird Jugend in der NS-Zeit nachvollziehbar, ihr Erleben, ihr Überleben, die ideologische Beeinflussung durch Elternhaus, Schule und Partei, die politisch und/oder rassistische Verfolgung. Ausgewählt wurden auch wieder Autorinnen aus der Region und erstmals auch Stimmen von männlichen Jugendlichen. Viele Texte wirken heute erschreckend aktuell und aufrüttelnd. Sie stammen unter anderen von Erika Mann, Margarete Hannsmann, Lise Löwenthal, Ruth Klüger, Ilse Losa, Tova Friedmann, Selma Meerbaum, Sigrid Lichtenberger aus Bielefeld, Karla Raveh aus Lemgo und den aktuellen Autorinnen Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek, die erneut aufgrund ihrer Herkunft Leid erfahren mussten.
Hervorzuheben ist, dass das Engagement gegen das Vergessen zunehmend durch Schüler*innen eindrucksvoll weitergetragen wird. Es beteiligen sich Schüler*innen aus drei Bielefelder Schulen – der Laborschule, der Hans-Ehrenberg-Schule und der Luisenschule - an den Lesungen zusammen mit Mitgliedern des Künstlerinnenforums bi-owl e.V. sowie engagierten Bielefelderinnen, begleitet von Ramona Kozma (Akkordeon, Gesang) und Yulika Ogawa-Müller (Cello).
Heute müssen wir betroffen erleben, wie leicht sich faschistisches Gedankengut und Gewalt in unsere Demokratie einschleichen. Und wir erfahren fast täglich von immer neuen Kriegen nicht nur im Iran und in der Ukraine, sondern auch im gesamten Vorderen Orient, im Sudan, in Afghanistan und anderswo. Deutlich wird wieder mit „Lesen gegen das Vergessen“, dass die Freiheit des Wortes keine Selbstverständlichkeit ist. Die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart mahnt uns, weiterhin wachsam und menschlich zu bleiben.
Für Jugendliche und Erwachsene.
Ort: Literaturbühne | EG
Der Eintritt ist frei.